UX/UI · Voice Experience
Seniorencomputer »Boo«


Einsamkeit im Alter ist ein großes, aber wenig erforschtes Phänomen. Meine Forschung hat belegt, dass Boo Einsamkeit reduziert und digitale Teilhabe ermöglicht. – Und statistisch gesehen so zu einem längeren Leben führen kann.
Das ist Boo.
Warum ist das wichtig?
Durch den demografischen Wandel wächst die Zahl älterer Menschen, während Einsamkeit und der Druck auf Pflege- und Gesundheitssysteme zunehmen. Gleichzeitig zeigen Studien, dass starke soziale Bindungen die Überlebenswahrscheinlichkeit um 50 % erhöhen können und dass das Internet Einsamkeit bei älteren Erwachsenen reduzieren kann, wenn es zugänglich gestaltet ist. Um daraus konkrete Anforderungen für boo abzuleiten, habe ich mit einem Mixed-Methods-Ansatz gearbeitet: mit Studien und Berichten, vier Interviews, einer Umfrage mit über 50 Teilnehmenden, einer Konkurrenzanalyse und zwei Nutzungstests.
Erkenntnisse aus dem Research
1
Einsamkeit reduzieren
Im Research wurde in Gesprächen, Umfragen, Studien und Artikeln deutlich, wie groß der Wunsch nach mehr Kontakt, Nähe und Verbindung im Alltag ist. Soziale Vernetzung war daher Kern des Produkts.
2
Erlernte Bedienung
Die Bedienung sollte vertraut sein und ohne lange Einarbeitung funktionieren. Gewünscht war es, sich an einer bereits erlernten Bedienung, wie z. B. von einem Fernseher oder einem klassischen Telefon, zu inspirieren.
3
Der viel genutzte TV
Der Fernseher ist das vertrauteste und meistbenutzte Medium der Zielgruppe und bietet einen großen Bildschirm. Der TV ist weit vor Smartphone oder Tablet.
4
Audio und Bild zusammen
Informationen sollten gleichzeitig gesehen und gehört werden. Studien und Tests belegen, dass audiovisuelle Ausgabe die Steuerung verständlicher und einfacher macht.
5
Sicherheit mitdenken
Notfallfunktionen und schnelle Hilfe sind wichtig, gerade im Alter, in dem Stürze und Unsicherheiten zunehmen, wurde Sicherheit zu einer zentralen Anforderung.
6
Inklusiv und transparent
Die Lösung musste Seh-, Hör- und kognitive Einschränkungen mitdenken. Vertrauen durch Transparenz schaffen und zugleich kostengünstig genug sein, um im Alltag realistisch nutzbar zu bleiben.
Bedienkonzept
Verworfen
Route 1: Physische Karten + Sprache
Inspiriert von Enna war dieser Ansatz selbsterklärend, aber zu starr. Für jede Aktion wären zusätzliche und sehr konkrete Karten nötig gewesen. Es reicht z. B. keine "Anrufen"-Karte, sondern es muss eine "Rufe Anna an"-Karte sein. Das erhöht Kosten, Materialaufwand und limitiert – gerade langfristig.
Gewählt
Route 2: Digitaler Kartenstapel + 4 Tasten + Voice
Nutzer:innen behalten sichtbare Orientierung über einfache Karten und starten Sprache nur im passenden Kontext. Über die Sprache lassen sich anschließend Folgeinfos übermitteln und dank KI-Modellen konnten die Nutzer:innen auch umgangssprachlich sprechen. Das senkt Komplexität, bleibt entdeckbar und lässt sich digital erweitern.
Verworfen
Route 3: Voice-only
Ein reines Gesprächsinterface verlangt zu viel Erinnerungsleistung. Funktionen wären schwer auffindbar und das Konzept würde technisch mehr versprechen, als es einlösen kann. Zudem ist eine audiovisuelle Steuerung so schwieriger.
User-Flow
Karte auswählen
durch Klicken der Pfeiltasten nach rechts und links
Karte starten
mit der OK-Taste
Über die Stimme
mit Boo interagieren
Karte schließen
mit der Taste Startmenü
Features

Im Research wurden die Funktionen in Gesprächen, Umfragen und Studien erarbeitet und anschließend in Personas und User Journeys übersetzt, um einen wirklichen Nutzen im Leben der Menschen zu haben. Verbindungsanwendungen sind der wichtigste Punkt, zu diesen gehört die Anwendung Themenrunde, über die man Menschen kennenlernen kann, Treffen, Telefon und SMS. Darüber hinaus sind der Zielgruppe Funktionen für deren Tagesplanung, wie z. B. Kalender oder eine Mittagessen-Anwendung, wichtig. Weil das Medium ein TV ist, ist Fernsehen auch relevant, genauso wie Notfallfunktionen wichtig sind.

Themenrunde
Themenrunde bringt Menschen über gemeinsame Interessen oder konkrete Themen zusammen und macht soziale Verbindung niedrigschwellig möglich. Die Anwendung wurde in Tests mehrfach positiv hervorgehoben.
Realisierung
3D-gedruckte Fernbedienung
Die eigens entwickelte und gestaltete Fernbedienung wurde produktionsfertig gestaltet, mit Platz für echte Tasten, einen Mikrocontroller und einen Akku. Die Fernbedienung wurde in einem Multifilament-Druckverfahren gedruckt, sodass das Logo nahtlos in das Material hineingedruckt werden könnte.
Set-Top-Box mit Raspberry Pi 5
Ein selbst entworfenes Gehäuse mit Steckmechanismus, eingelassenem Logo, Lüftungsschlitzen und einer Schraubvorrichtung zum Anschrauben eines Raspberry Pi 5. Nach einem A/B-Testing zwischen einem Gehäuse aus weißem Material und Holzfilament wurde das Holzfilament verwendet.
ESP32-C6 + Bluetooth LE
Ein ESP32 ist ein Mikrocontroller, der in vielen Smarthome-Geräten verbaut ist und extrem energiesparend und günstig ist. Dieser ist ideal für eine Fernbedienung. Über Bluetooth LE konnte Audio- und Tastensignale zum Raspberry Pi übertragen werden.

Validierung
Interaktionsdesign & Prototyping
Nach dem Research und ersten Wireframes folgten User Flows in Figma und ein in React programmierter Prototyp. Der programmierte Prototyp diente dazu, die Benutzung der Fernbedienung, des digitalen Kartenstapels und vor allem der Sprachsteuerung zu testen. Gerade Letzteres war in Figma technisch nicht möglich. Der programmierte Prototyp benutzte für die Spracheingabe mit Vosk ein Open-Source-Sprache-zu-Text-Tool, anschließend wurde die Sprache von einem KI-Modell ausgewertet und danach gab die KI zusammen mit einer realistisch klingenden Sprachausgabe die Antwort. Durch das KI-Modell konnten die Testpersonen auch umgangssprachlich, mit Dialekt oder schlecht verständlich sprechen und dennoch hat das System die Anweisung verstanden und in der Regel korrekt gewertet. Parallel dazu wurden die User Flows auch in Figma ausgebaut und auch eine Komponentenbibliothek angelegt. Mit dieser Komponentenbibliothek wurde wiederum der programmierte Prototyp entwickelt.

Learnings
Von vertikal zu horizontal
Der Kartenstapel wurde von einer vertikalen Idee in eine horizontale TV-Logik überführt. Das nutzt das 16:9-Format besser und fühlt sich natürlicher an.
Buttons dauerhaft sichtbar
Die Erklärung im Onboarding reichte nicht für alle Testpersonen aus, daher blieben die Buttons auf dem Homescreen dauerhaft sichtbar in der unteren, rechten Ecke.
Von kalt zu warm
Frühe blaue Interfaces wirkten technisch und distanziert. Warme Farben machten das System weniger technisch und dass jede Funktionsgruppe eine Akzentfarbe bekam, machte das System einfacher.
"Das System sagt mir genau, was passiert. Ich muss mir gar nichts mehr merken, boo fragt mich einfach."
Inga

















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Brand & Vertrauen
Die Marke entstand parallel zum Produkt. Chatboo, Farbwelt, Tonalität und Typografie sollten Technik nicht futuristisch inszenieren, sondern Nähe, Sicherheit und Wiedererkennbarkeit schaffen.

